Der Balkon der Tillysburg

Standort:
St. Florian, Oberösterreich

Fertigstellung:
2026

Fotos:
Gregor Graf

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Der Balkon der Tillysburg

Der Balkon ist Austritt und Auftritt, Schwelle und Bühne zugleich. Er führt aus dem Wohnraum hinaus, ohne diesen ganz zu verlassen, und verhandelt Nähe und Distanz. In Shakespeares Romeo und Julia wird der Balkon zum Schauplatz einer Liebeserklärung. Auch auf Schloss Tillysburg bildet eine Hochzeit den Ausgangspunkt für einen neuen Balkon – an einem Ort, der durch die Festspiele Schloss Tillysburg jährlich selbst zur Bühne wird.

HISTORIE UND AUFGABENSTELLUNG

Schloss Tillysburg liegt in der Gemeinde St. Florian im Bezirk Linz-Land und steht unter strengem Denkmalschutz. Der heutige Schlossbau entstand zwischen 1633 und 1645 und wurde im frühen 18. Jahrhundert umgestaltet. Er gilt als Bau des Übergangs von Renaissance zu Barock. Vier Flügel umschließen einen rechteckigen Innenhof, vier quadratische Ecktürme bestimmen seine äußere streng geometrische Erscheinung. Das Schloss ist von einem Park mit altem Baumbestand umgeben.

Für eine Wohnung im ersten Obergeschoss sollte an der Ostfassade ein privater Außenraum entstehen – ein Balkon als Geschenk anlässlich einer Hochzeit. Eine zunächst alltäglich erscheinende Bauaufgabe stellte sich an diesem Ort als grundsätzliche architektonische Frage neu: Wie lässt sich ein Balkon mit dem historischen Bestand verbinden?

Der Entwurf antwortet mit einer eigenständigen Figur, die zwischen Wohnung, Schloss und Schlosspark vermittelt. Sie nähert sich dem Austrittsfenster der Wohnung an und wahrt zugleich Distanz zur historischen Fassade. Nicht das Schloss trägt die neue Konstruktion. Der Balkon steht frei im Park.

KONZEPT - Ein Lustspiel in drei Akten

Den beiden Türmen der Ostfassade wird eine dritte, zeitgenössische Vertikalfigur zur Seite gestellt, die aus der Landschaft emporwächst. Das dichte und zugleich durchlässige Stabwerk nimmt die aufragende Gestalt der Türme auf, übersetzt deren Massivität jedoch in eine filigrane und offene Struktur.

Drei räumliche Beziehungen prägen das Konzept: Distanz schützt den Bestand. Nähe stellt die Verbindung her. Umarmung formt den Raum.

Die frei mäandernde Plattform löst sich von der orthogonalen Strenge des Schlosses. Die Form entwickelt sich vom Austrittsfenster aus in den Garten, verengt und weitet sich, wendet sich nach Osten und Westen und legt sich um einen mächtigen alten Baum. Dabei entstehen unterschiedliche Bereiche des Aufenthalts: lichte und beschattete, offene und eng gefasste, dem Schloss zugewandte und in den Garten ausgerichtete.

Gerade aus den Gegensätzen entsteht die Verbindung von Bestand und neuer Figur: aus Masse und Filigranität, orthogonaler Ordnung und freier Linie, historischer Fassade und lebendiger Landschaft.

UMSETZUNG

Ein dichtes Feld schlanker Stäbe aus Betonrippstahl trägt die frei geformte Balkonplatte. Die Stäbe durchstoßen die drei Zentimeter starke Stahlplatte und setzen sich oberhalb fort. Tragwerk und Absturzsicherung werden zu einer einzigen, durchgehenden vertikalen Struktur, in die die begehbare Ebene gleichsam eingefädelt ist.

Die frei geformten Plattensegmente wurden lasergeschnitten und vorgefertigt, in das Stabwerk eingefädelt und punktgeschweißt zu einer zusammenhängenden Balkonfläche vernietet. Der Stahl bleibt unbehandelt. Unter dem Einfluss der Witterung verändert sich seine Oberfläche. Zeit wird als Teil der architektonischen Erscheinung lesbar.

Je nach Standpunkt verdichten sich die schlanken Stäbe zu einer beinahe geschlossenen Kontur oder geben den Blick auf Schlossfassade, Baum und Park frei. Oben entsteht ein Balkon zwischen Baumkrone, Landschaft und Schloss; darunter ein durch die Stäbe gefilterter Gartenraum. Im wechselnden Tageslicht überlagern sich Stabwerk, Äste und Fassade zu einem bewegten Bild aus Licht und Schatten.